FlowerPower

Nicht nur die Pflanzen, sondern auch wir stehen in den Startlöchern und warten auf wärmere Temperaturen. Wir hungern nach dem Grün der Natur und nach den Blumen, die momentan noch nicht recht sprießen wollen.

Blumen und Blüten sind Superlative der Natur, locken bestäubende Insekten an und zeigen die Flora von ihrer fruchtbarsten Seite. Gleichzeitig symbolisieren sie durch das unmittelbar nach der Blüte einsetzende Verwelken die Vergänglichkeit. Der ungebrochene Prozess der Fruchtbarkeit, des Werdens und Vergehens wird durch Blumen und Blüten versinnbildlicht. Dass das Spektrum der weltweit vorkommenden Blüten riesig groß ist, verdeutlicht uns die Vielfalt des Lebens auf besonders schöne, formen- und farbenreiche und auch olfaktorische Weise. Blumen und Blüten sind schön und erfreuen unsere Sinne und unsere Seele.

Die Kraft der Blumen wird im Ausstellungstitel „flower power“ von Margarete Schrüfer verdeutlicht. Die Künstlerin zeigt neue, fotografische Arbeiten, die auf das „blühende“ Thema in ganz besonderer Weise eingehen. In der Unterzeile der Einladungskarte lesen Sie „Skulptur“: Die Grundlage der Fotografien sind tatsächlich Objekte/ Blumen, installativ in Szene gesetzt.

Margarete Schrüfer stellt Blumen in Origami-Technik her, der Kunst des Papierfaltens, die etwa seit dem letzten Drittel des ersten Jahrtausends in Japan bekannt ist. Origami-Künstler sind so virtuos in ihren Falttechniken, dass sie die ganze Welt phantasiereich aus Papier entstehen lassen können.

Ein Japanaufenthalt im Jahr 2005 hat bei Schrüfer dann letztendlich den Impuls gebracht, sich eingehender mit dieser Thematik zu beschäftigen. Ab 2010 entstanden dann sukzessive Blumen und Blüten, die in dieser Ausstellung als inszenierte Fotoarbeiten zu sehen sind.

Orgami bedingt eine aufwändige Arbeitsweise. Die Herstellung der einzelnen Blütenstängel ist daher zeitintensiv. Insofern ist der Prozess, der diesen Werken vorausgeht ein wichtiger Mittler der Inhalte. Alle Origami - Faltungen entstehen auf Grundlage eines etwa 15 mal 15 cm kleinen, quadratischen Papiers.

Händische, nicht industrielle Herstellungsabläufe werden immer seltener in unserer von Effizienz geprägten, automatisierten Welt. Insofern wird das triviale Material, das Papier durch das Falten und durch eine neue Zuschreibung in der Dingwelt veredelt. Margarete Schrüfer ahmt Gewächse der Flora in Papierfalttechnik nach und entwickelt bewusst keine phantasiereichen Formen, um mit Bekanntem den Irritationsgrad gezielt zu erhöhen.

Die Arbeiten der Künstlerin stehen in direkter Nachfolge der historischen Blumenstillleben, die als autonome Gemälde im niederländischen Barock seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts Mode wurden. Diese Erscheinung war wirtschaftlich bedingt, denn zu dieser Zeit trieben die Niederländer exzessiven Handel mit Tulpenzwiebeln, der ähnlich zum Börsenhandel der heutigen Zeit viel Gewinn abwarf, zuletzt wegen überzogener Spekulationen im Jahr 1637 zum totalen Zusammenbruch des Tulpenhandels führte – die erste nachweisbare Spekulationsblase der Wirtschaftgeschichte. Nicht umsonst sind die Niederlande auch heute noch das Zentrum von Tulpenzucht und -handel. Malerisch entstanden in dieser Zeit hervorragende Werke, die als Prestigeobjekte die Häuser der elitären Kaufmannsschicht schmückten. Besonders die kleine schwarze Serie beruft sich auf diese Epoche. Der dunkle Hintergrund und das Streiflicht zeigen formale Berührungspunkte mit dem Barock.

Das Thema Blumenstillleben wurden in den darauffolgenden Epochen immer wieder einmal in veränderter Form aufgenommen, Als Beispiele seien genannt die Impressionisten, Expressionisten oder aber aus dem 20. Jh. Georgia O’Keefe. Auch bei den Wohnzimmerbildern des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jh. lassen sich Blumenstillleben in reproduzierbaren Lithografieverfahren finden. Wandschmuck für eine breite Masse des Bürgertums.

Gerade nach dem Einfluss des antimimetischen Expressionismus auf die Kunst des 20 Jh. und nach dem vielen schon vorhandenen Gedanken- und Ideengut, wenden sich viele Künstler wieder der Mimesis, der Nachahmung zu, und versuchen dabei andere inhaltlichen Wege zu beschreiten. So auch Margarete Schrüfer, die sich in ihrem Werk der Nachahmung des Gegenstandes widmet, ihn jedoch auf subtile Weise neu besetzt.

Wirft man einen weiteren Blick auf die Historie und auf die Ikonografie, zeigen sich Blumen als Attribute (beispielsweise symbolisieren Lilien und Rosen die Muttergottes). Ikonografie tut in den Werken von „flower power“ nichts zur Sache und ist in diesem Fall sogar unwichtig. Schrüfer geht es nicht um symbolische Bedeutungen im historischen Sinne. In ihrem Konzept weist sie subtil auf die Ambivalenz der Blumen hin, allgemein und speziell in ihrem Kontext.

Diese Bilder zeigen nicht die Realität sondern geben – in diesem Falle künstlerisch und technisch – die Realität wieder und interpretieren sie. Das, was wir auf den Fotoarbeiten und den Wandtapeten sehen ist also nur der Schein des Seins.

Das Bild, das Ikon, besitzt nur Ähnlichkeit mit dem realen Objekt, das reale Objekt (die papiernen Blumen) wiederum ahmen die Natur nach.

Die Künstlerin zieht also mehrere Irritationsebenen in ihre Werke ein.

Teil des Konzepts ist die Weitergabe der immergleichen Origami- Blumen an verschiedene Floristen, welche diese individuell in einer dezenten Vase arrangieren. Kein Strauß gleicht dem anderen.

Auf eigenartige Weise verwirrt die Zusammenstellung von Blumen, die in verschiedenen Jahreszeiten wachsen – ein floristisches No-go. Die großen Sträuße auf den Tapetenprints wirken daher recht übersteigert. Als ob nicht genug Formen und Farben zu einer Jahreszeit vorhanden wären. Gut! Schon beginnen wir zu überlegen: Blumenkunst oder Blumenkitsch? Eine ironische Gratwanderung beginnt.

Die Blumen und Sträuße zeigen keine Natur. Das triviale Material wird durch den künstlerischen Prozess veredelt, doch die Sträuße werden durch fremde Hand gebunden. Die hochwertige Fotografie hält die Inszenierungen fest und interpretiert sie, doch das Foto auf Papier wird an der Wand nur temporär angekleistert und nach der Ausstellung der Vernichtung zugeführt.

In den kleinen Arbeiten stehen die Blumen in billigen schwarzen Plastikeimern, hinter hochglänzendem, edlem Acrylglas werden sie ästhetisiert und überhöht und distanzieren den Betrachter vom Objekt. Die kleine Serie zeigt Blüten, wären sie echt, stünden sie hier in einer Vase, würden wahrscheinlich noch heute einige Blätter verlieren, so weit ist ihre Reife. Ein Bild der Vergänglichkeit. (Solche Blumen würde man nicht kaufen, um sie zu verschenken). Auch weitere Merkmale von Blumen bleiben uns verwehrt – wir können nichts berühren und erfühlen – gezeigt wird die Nature morte, die tote Natur: Niemals war hier jegliche Lebendigkeit vorhanden gewesen. Durch die puristische Präsentation und die hochauflösende Fotografie weht uns eine Kühle entgegen, die die Künstlichkeit der vordergründig munteren Ansichten potenziert.

Hier geht es um weit mehr als um Blumen, hier geht es um unseren Umgang mit der Natur, mit unserer Wahrnehmung der medialen Welt, die von Bildinformationen und Schnelligkeit überläuft und wir kaum mehr etwas Glauben schenken können. Margarete Schrüfer prüft die Grenzen unserer Sinneseindrücke.

Man kann diese Bilder auch als eine Entschleunigung der Taktrate unserer Gesellschaft empfinden. Allein der zeitintensive, künstlerische Prozess, der in diesen Arbeiten immanent ist, verlangsamt das „Schnellschnell“ unseres üblichen Handelns. Die Stillleben strahlen große Ruhe aus. Aber die beschaulichen Werke sind Harmoniefallen: Gerade weil wir ihre Vorgänger aus der Malerei kennen und weil wir das Wesen der Blumen lieben, sie kaufen und verschenken, sind diese Werke umso trügerischer. Sie rufen vermeintlich Bekanntes aus unserem Erfahrungsschatz ab, was sich durch das Konzept der Künstlerin und die inhaltliche Neubesetzung als vielschichtig angelegte Irritation enttarnt.

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung Margarete Schrüfer „flower power“
Barbara Leicht M.A., Kunstmuseum Erlangen